HerzAuf!stand - Tauschlogikfrei

„Heute sollen wir alle Konkurrent*innen werden – wir sind aber geboren als kooperierende, kooperationsfähige und auf Kooperation angewiesene Lebewesen.“ (Adelheid Biesecker)

Tauschlogik? Frei!

Im bestehenden Wirtschaftssystem ist Geld ein trennendes Mittel, das uns in Besitzende und Besitzlose einteilt. Dem Mythos „Du kannst Dich hocharbeiten“ schenken wir von HerzAuf!stand keinen Glauben, u.a. weil uns bewusst ist, dass der Geburtsort maßgeblich darüber entscheidet, wer Zugang zu Bildung und Wasser hat und wer nicht.** Mit der Tauschlogikfreiheit verwirklichen wir unsere Vision von einem solidarischen Miteinander. Geben und Nehmen wird voneinander entkoppelt. Wir geben kein Geld für Leistungen, denn weder Fähigkeiten noch Zeit, Inspiration oder Kreativität sind bezahlbar, in Wert zu setzen und damit in irgendeiner Weise verwertbar. Das Prinzip von Leistung und Gegenleistung soll in diesem experimentellen Raum hinterfragt und gerne auch überwunden werden. Wir glauben, dass Menschen, wenn sie sich um ihre existenziellen Grundbedürfnisse keine Sorgen machen müssen, aus intrinsischer Motivation heraus mit Freude tätig werden und ihre Ideen und Projekte umsetzen. Daher ist die Einladung an alle Mitwirkenden des Forschungsraums (Organisator*innen, Referent*innen, Musiker*innen, Zuhörende u.a.): Mach etwas, weil Du es aus ganzem Herzen tun möchtest, teile Deine Talente, Aufmerksamkeit und Energie bedingungslos.
Weil wir es sinnvoll finden, Geld umzufairteilen, stellen wir auch Förderanträge. Wenn welche bewilligt werden, können sich Projekte und Einzelpersonen, unabhängig davon, in welcher Form sie an der Messe teilgenommen haben, aus dem Topf etwas nehmen.

**Einladung zur Selbstreflexion: Was wäre in Deinem Leben anders, wenn Du 7.500 km weiter östlich oder südlich geboren wärst? Welche Rechte und Privilegien hättest Du bzw. hättest Du nicht mehr? Würdest Du dort von den postkolonialen Strukturen profitieren oder eher darunter leiden und ausgebeutet werden?

Warum gutes Leben für alle tauschlogikfrei sein muss

Auszug aus dem Buch von Friederike Habermann

„Was spricht gegen gerechten Tausch?
Nichts – solange alle Beteiligten ihrem Bedürfnis entsprechend handeln. Dafür aber müssen alle Beteiligten frei entscheiden können. Dies ist der Aspekt, den die Wirtschaftswissenschaften vernachlässigen: Frei sind wir nur in einer Gesellschaft, die Menschen nicht ökonomisch zwingt, etwas gegen ihr Bedürfnis zu tun. Genau darauf aber beruht eine Tausch- bzw. Marktgesellschaft. Tausch bzw. Geld legitimiert scheinbar, dass Menschen in die Situation kommen, bei etwas zustimmen zu müssen, das sie nicht gerne tun. Sozusagen Erpressung light: Sie werden ökonomisch gezwungen.
Tauschlogik ist Tausch, der auf einem Tauschwert beruht: Tausch mit Äquivalenzlogik. Meistens in der Form von Geld. Während Geben und Nehmen überhistorische Konstanten sind, ist Tausch eine Transaktion, bei der offiziell gleiche Werte ausgetauscht werden. Dieser Unterschied ist gravierend.
»Wenn einer unserer Vorfahren einem anderen eine Banane anbot und dafür einen Apfel wollte«, erklärt Yanis Varoufakis seiner Tochter, »war das eine Form des Austauschs«. Soweit richtig. Beide hatten dabei die Fähigkeit, ein Stück Obst zu geben, und zumindest einer das Bedürfnis zu tauschen und der andere zumindest nichts dagegen. Das ist nicht die hier kritisierte Tauschlogik. Dann aber bedient Varoufakis den seit anderthalb Jahrhunderten aus anthropologischer Perspektive als falsch belegten Mythos, dies sei ein Tausch gewesen, »bei dem eine Banane den Preis für einen Apfel darstellte und umgekehrt«. Denn dann würden die beiden nur in dem unwahrscheinlichen Fall tauschen, dass sowohl Apfel als auch Banane denselben Tauschwert innehaben. Ansonsten bisse einer von beiden von seiner Frucht erst ein Stück ab – lieber sich den Magen verrenken, als dem Käufer was schenken. Und selbst wenn der mit der Banane so viele davon hätte, dass diese ihm bereits wegfaulen, würde er keine davon abgeben, wenn der andere keinen Apfel bzw. kein Geld zu bieten hat.
Tauschlogik erzeugt also künstlich Knappheit.“

Hier tauschlogikfrei weiterlesen:

Auch Friederike Habermanns Buch Ecommony kannst Du tauschlogikfrei lesen.

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Künstlerisches

"Getauschte Zeit" von Alma

Eine Supputopie von Luisa

„Ok, Zwiebeln Schneiden zehn Euro, Kartoffeln Schneiden drei – fürs Spielen kriegst du kein Geld, Annika, mach mal deine Mathehausaufgaben, dann kriegst du immerhin gute Noten.“
Andrea sitzt an unserem großen, runden Küchentisch. Sie ist etwas gestresst, versucht die Fassung zu wahren. Sie muss die Organisation der Küche im Griff behalten. Schließlich wird sie dafür bezahlt. Fünfzig Euro pro Stunde.
Alle anderen am Tisch starren vor sich hin. Kalte Stille.
Ich kaue auf meiner Lippe rum. Hoffentlich muss ich nicht die Zwiebeln schneiden. Ich muss immer total heulen. Wie schafft Ingo das nur immer ohne tränende Augen?
Wir alle bewerben uns um die verschiedenen Tätigkeiten. Ich darf heute zum Glück am Herd stehen (dreizehn Euro krieg‘ ich dafür). Dann werden noch Verträge unterschrieben, Versicherungen, falls sich jemand in die Hand schneidet. Dabei haben alle schon total Hunger.
Der Zeitplan ist knapp, jeder Arbeitsschritt genauenstens berechnet, um die Suppe möglichst effizient fertig zu stellen. Wir fangen endlich an, zu arbeiten. Es ist immer noch ziemlich still. Wir wissen nicht recht, über was wir reden sollen, und sprechen dann über Hygiene, Verdauung und das Wetter.
Eigentlich koche ich gerne, gerade bin ich aber angespannt. Andrea guckt mir über die Schulter, während ich die Suppe umrühre. Ingo und Maike streiten sich flüsternd:
„Gestern habe ich dich 10 Mal geküsst, das macht 408 Euro“, murmelt Maike wütend.
„Pah, deine Küsse haben einen viel geringeren Marktwert. Die Nachfrage ist doch enorm gesunken, seit du so fett geworden bist! Außerdem habe ich dich auch zehn Mal geküsst! Und mein Marktwert ist viel höher!“
Ich versuche wegzuhören, mein Magen knurrt.
Dann endlich kriegen wir unser Geld ausgeteilt: Andrea kriegt am meisten. Danach ich. Marie, die geputzt hat, kriegt fast nichts. Annika natürlich auch nicht. Dann kaufen wir uns von dem Geld unsere Suppe. Ich bekomme für mein Geld fünf Teller, Marie eine Kartoffel. Sie blickt traurig auf ihren Teller, aber ich will ihr auch nichts abgeben. Sie hat schließlich viel weniger geleistet als ich und ich habe ja auch extra diese Ausbildung gemacht, in der ich gelernt habe, wie die Suppe am besten umgerührt wird!
Am Ende wird ein Drittel der Suppe weggeschmissen, weil die mit viel Geld nicht mehr essen können.
Ein bisschen gemein ist das schon, finde ich, vor allem, wenn ich an Jürgen denke, der am meisten Geld bekommt, nur weil die Küche sein Eigentum ist. Aber ich sage nichts. Es ist schließlich mein Beruf und wie sollte das mit dem Kochen auch anders funktionieren?

„Wer hat Lust die Zwiebeln zu schneiden?“, fragt Andrea und legt Zwiebeln, Messer und Brettchen auf den Tisch. Währenddessen liegt Annika unterm Tisch und spielt, sie wäre gefangen in einer Höhle und müsste sich von stinkenden Hausschuhen ernähren. Ich wasche die Teller ab, die noch von gestern stehen geblieben sind, weil wir alle nach dem Spieleabend zu müde waren zum Abwaschen. Marie schneidet die Kartoffeln, Timm macht einen Obstsalat, Ingo und Maike kommen von ihrem Spaziergang wieder und bringen einen Strauß Blumen mit. Während Marie die Kartoffeln schneidet, erzählt sie uns von ihrer neuen Liebe und bekommt dabei ganz rote Wangen. In der Küche fängt es an, zu duften, Ingo beginnt, Gitarre zu spielen. Dann sitzen wir alle vor gefüllten Tellern an dem großen Tisch und löffeln die leckere Kartoffelsuppe, bis wir kugelrunde Bäuche haben.

Begleitende Motive der HerzAuf!stand-Messe

tauschlogikfrei

vegan

solidarisch

ökologisch

drogenfrei

HerzAuf!stand